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72 Stunden Mannheim Ich lausche Istanbul, die Augen geschlossen. Erst weht ein leichter Wind, ganz leise bewegen sich die Blätter an den Bäumen; weit, ganz weit in der Ferne das unaufhörliche Klingeln der Wasserverkäufer. Ich lausche Istanbul, die Augen geschlossen. Orhan Veli
Luigi Toscano hat Istanbul mit der Kamera belauscht und so haben wir jetzt die Möglichkeit, seine Eindrücke zu sehen. Istanbul ist wohl jedem als mehrfache Millionenstadt ein Begriff. Auf seinem 72 Stunden Marathon durch diese chaotische und quicklebendige
Stadt hat Luigi Toscano, ganz wie wir es von ihm kennen, jedoch nicht
Bilder von den typischen Sehenswürdigkeiten mitgebracht. Er hat auf
den ersten Blick unspektakuläre Winkel aufgenommen, hat sich unters
Volk gemischt und die Atmosphäre dort erspürt und festgehalten.
Ich denke es ist nicht leicht, sich drei Tage lang nonstop in ein fremdsprachiges
Menschengewühl zu stürzen auch unter einem gewissen Druck, möglichst
gute Beute, sprich Fotos, mit nach Hause zu bringen ... Beim Betrachten der Bilder bin ich manchmal ins Straucheln gekommen: Ist also der Döner in der Türkei deutsches oder türkisches Kulturgut – oder beides? Das ist jetzt ein lustiges Beispiel, aber es wirft für den Betrachter – für den Türken genauso wie für den Deutschen- die Frage nach dem Eigenen und nach dem Fremden auf. Und in zweiter Instanz, ob das Fremde nicht auch zum Eigenen geworden ist… Hierzu ein zweites Beispiel: In einem anderen Bild sitzen Männer in einer Hofeinfahrt, die mit Knochensteinen gepflastert ist – typisch deutsch. Für mich zumindest typisch deutsch, denn die Einfahrt meiner Eltern ist genau mit dieser Sorte Steinen gepflastert. In meiner Betrachtung treffen also typisch türkisch aussehende Männer mit einem typisch deutschen Hofpflaster zusammen. Das ist für mich ein Irritationsmoment. Diese scheinbar banalen Details zeigen deutlich, welche unbewusste Klischees
wir in unseren Köpfen haben mit denen wir diese Fotografien ansehen,
mit denen wir aber auch die Welt ansehen und die Realität filtern. Mit meinen Klischees im Kopf schaue ich mir die Bilder weiter an und freue mich an einem Frisör und Barbier, der stolz in seinem winzigen, voll gestopften Geschäftsraum posiert, an einem waschechten Fischmarkt, der ohne großes TamTam einfach nur Fisch als Nahrungsmittel darbietet, ich sehe Männer auf der Straße sitzen, beim gemütlichen Plausch, ich sehe kleine Jungs beim Murmelspiel. Gemütlichkeit Es scheint, als würden in der Türkei die Uhren mitunter noch anders zu ticken, ein bisschen langsamer vielleicht – man hat noch Zeit, miteinander zu reden und empfindet das auch als ganz festen Bestandteil des täglichen Lebens, nicht als etwas, wozu man sich verabreden müsste. Jungs spielen gemeinsam mit Murmeln, nicht allein mit dem Gameboy, Essen ist zum Essen da, und wird dementsprechend nicht als Lifestyleprodukt verkauft. Ein paar Klischees sind einfach im Kern wahr und diese Fotos bilden sie ab und regen uns aber auch zum Nachdenken an ... Die Bilder, die ich eben aufgezählt habe, haben einen wunderbaren Retro Effekt für mich, zeigen Einfachheit, Geselligkeit, Authentizität der einzelnen Person. Vielleicht sind viele Umstände einfach aus Geldmangel so, wie sie sind – doch für uns machen sie den Charme der Fotografien aus. Warum? Luxus Ich denke, manchmal sehnen wir uns einfach nach ein bisschen mehr Gemütlichkeit und Einfachheit. Der materielle Luxus, den wir hier in Deutschland erfahren, und der für uns Fortschritt signalisiert, bringt auch eine Menge Stress mit sich – in unserer modernen Mediengesellschaft erleben wir einen immer dichteren Terminkalender, der sich auch auf unsere Freizeit ausweitet und uns hetzen lässt. Der zwischenmenschliche Dialog leidet letztendlich darunter. Die Istanbul Bilder werfen in ihrer Schlichtheit die Frage „was ist Luxus?“ auf. Sind es die Mittel die uns zur Verfügung stehen, über die wir uns oft auch definieren, oder sind es nicht vielmehr Zeit, Geselligkeit, Familie - also zwischenmenschlicher Reichtum? Ich möchte damit nicht sagen, die eine Kultur sei besser als die andere, aber diese Bilder werfen Fragen auf, mit denen ich und jeder hier sein eigenes Leben in dieser Gesellschaft überprüfen kann. Das Eigene und das Fremde. Manchmal ist das Gegensätzliche der beste Spiegel für das Selbst. Das Schöne an den hier gezeigten Fotografien ist aber auch, dass
wir sie auch einfach nur genießen können. Luigi Toscano zeigt
uns Details, deren Schönheit wir vielleicht übersehen hätten,
wenn wir sie nicht hier auf den Abzügen vor Augen hätten. Ich freue mich über die Möglichkeiten, die die Serie „72 Stunden Istanbul“ mir bietet, wenn ich sie mir genau ansehe. Alles in allem haben wir hier die Möglichkeit, ein bisschen von der türkischen Lebensart mit zu bekommen. Indem wir wunderbare Fotografien sehen, türkischen Pop hören und auch gemeinsam über unsere Eindrücke diskutieren können. Vielen Dank |




