Luigi Toscano | photographie mediengestaltung artwork
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Auf seinem 72 Stunden Marathon hat Luigi Toscano die Stadt Istanbul mit der Kamera belauscht.
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Rede zur Ausstellungseröffung von "72 Stunden Istanbul" am 1. Juni 2006 in der Galerie "Der Kunstladen" von Alexa Becker (Kunsthistorikerin).
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72 Stunden Mannheim

Ich lausche Istanbul, die Augen geschlossen.
Erst weht ein leichter Wind,
ganz leise bewegen sich die Blätter an den Bäumen;
weit, ganz weit in der Ferne
das unaufhörliche Klingeln der Wasserverkäufer.
Ich lausche Istanbul, die Augen geschlossen.

Orhan Veli

 

Luigi Toscano hat Istanbul mit der Kamera belauscht und so haben wir jetzt die Möglichkeit, seine Eindrücke zu sehen.

Istanbul ist wohl jedem als mehrfache Millionenstadt ein Begriff.
Als Metropole der Gegensätze, in der Tradition auf modernste Lebensart trifft. Istanbul die Stadt, die auf zwei Kontinenten liegt und im Westen Teil Europas ist, im östlichen bereits ein Teil Asiens. Wir haben Bilder im Kopf von der kühnen Brücke, die beide Teile über den Bosporus hinweg verbindet, von der Hagia Sofia & der blauen Moschee.

Auf seinem 72 Stunden Marathon durch diese chaotische und quicklebendige Stadt hat Luigi Toscano, ganz wie wir es von ihm kennen, jedoch nicht Bilder von den typischen Sehenswürdigkeiten mitgebracht. Er hat auf den ersten Blick unspektakuläre Winkel aufgenommen, hat sich unters Volk gemischt und die Atmosphäre dort erspürt und festgehalten. Ich denke es ist nicht leicht, sich drei Tage lang nonstop in ein fremdsprachiges Menschengewühl zu stürzen auch unter einem gewissen Druck, möglichst gute Beute, sprich Fotos, mit nach Hause zu bringen ...
Doch auch dieses Mal ist der Fotograf seinem Instinkt gefolgt und hat sich zu den Orten und Menschen treiben lassen, die Istanbul ausmachen – auf ihre eigene, unverfälschte Art und Weise.

Das Eigene und das Fremde

Beim Betrachten der Bilder bin ich manchmal ins Straucheln gekommen:
Ich sehe einen Jungen lächelnd vor einem Dönerspieß stehen und denke: Moment mal, den hatten die eingewanderten Türken doch für die Deutschen erfunden, was hat der denn in Istanbul zu suchen? Ich habe recherchiert und tatsächlich ist der Döner in der Türkei ein Reimport, hat dort ursprünglich nichts zu suchen…

Ist also der Döner in der Türkei deutsches oder türkisches Kulturgut – oder beides? Das ist jetzt ein lustiges Beispiel, aber es wirft für den Betrachter – für den Türken genauso wie für den Deutschen- die Frage nach dem Eigenen und nach dem Fremden auf. Und in zweiter Instanz, ob das Fremde nicht auch zum Eigenen geworden ist…

Hierzu ein zweites Beispiel: In einem anderen Bild sitzen Männer in einer Hofeinfahrt, die mit Knochensteinen gepflastert ist – typisch deutsch. Für mich zumindest typisch deutsch, denn die Einfahrt meiner Eltern ist genau mit dieser Sorte Steinen gepflastert. In meiner Betrachtung treffen also typisch türkisch aussehende Männer mit einem typisch deutschen Hofpflaster zusammen. Das ist für mich ein Irritationsmoment.

Diese scheinbar banalen Details zeigen deutlich, welche unbewusste Klischees wir in unseren Köpfen haben mit denen wir diese Fotografien ansehen, mit denen wir aber auch die Welt ansehen und die Realität filtern.
Kein Wunder also, dass so Missverständnisse und Konflikte entstehen – esonders leicht natürlich zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Mit meinen Klischees im Kopf schaue ich mir die Bilder weiter an und freue mich an einem Frisör und Barbier, der stolz in seinem winzigen, voll gestopften Geschäftsraum posiert, an einem waschechten Fischmarkt, der ohne großes TamTam einfach nur Fisch als Nahrungsmittel darbietet, ich sehe Männer auf der Straße sitzen, beim gemütlichen Plausch, ich sehe kleine Jungs beim Murmelspiel.

Gemütlichkeit

Es scheint, als würden in der Türkei die Uhren mitunter noch anders zu ticken, ein bisschen langsamer vielleicht – man hat noch Zeit, miteinander zu reden und empfindet das auch als ganz festen Bestandteil des täglichen Lebens, nicht als etwas, wozu man sich verabreden müsste. Jungs spielen gemeinsam mit Murmeln, nicht allein mit dem Gameboy, Essen ist zum Essen da, und wird dementsprechend nicht als Lifestyleprodukt verkauft. Ein paar Klischees sind einfach im Kern wahr und diese Fotos bilden sie ab und regen uns aber auch zum Nachdenken an ...

Die Bilder, die ich eben aufgezählt habe, haben einen wunderbaren Retro Effekt für mich, zeigen Einfachheit, Geselligkeit, Authentizität der einzelnen Person. Vielleicht sind viele Umstände einfach aus Geldmangel so, wie sie sind – doch für uns machen sie den Charme der Fotografien aus. Warum?

Luxus

Ich denke, manchmal sehnen wir uns einfach nach ein bisschen mehr Gemütlichkeit und Einfachheit. Der materielle Luxus, den wir hier in Deutschland erfahren, und der für uns Fortschritt signalisiert, bringt auch eine Menge Stress mit sich – in unserer modernen Mediengesellschaft erleben wir einen immer dichteren Terminkalender, der sich auch auf unsere Freizeit ausweitet und uns hetzen lässt. Der zwischenmenschliche Dialog leidet letztendlich darunter.

Die Istanbul Bilder werfen in ihrer Schlichtheit die Frage „was ist Luxus?“ auf.

Sind es die Mittel die uns zur Verfügung stehen, über die wir uns oft auch definieren, oder sind es nicht vielmehr Zeit, Geselligkeit, Familie - also zwischenmenschlicher Reichtum?

Ich möchte damit nicht sagen, die eine Kultur sei besser als die andere, aber diese Bilder werfen Fragen auf, mit denen ich und jeder hier sein eigenes Leben in dieser Gesellschaft überprüfen kann.

Das Eigene und das Fremde. Manchmal ist das Gegensätzliche der beste Spiegel für das Selbst.

Das Schöne an den hier gezeigten Fotografien ist aber auch, dass wir sie auch einfach nur genießen können. Luigi Toscano zeigt uns Details, deren Schönheit wir vielleicht übersehen hätten, wenn wir sie nicht hier auf den Abzügen vor Augen hätten.
Der Rettungsring mit dem Istanbul Schriftzug, eine halb aufgelöstes dickes Tau auf rissigen Schiffsplanken, Steinplatten, in extrem bodennaher Perspektive, regennass mit eingelassener Jahreszahl.

Ich freue mich über die Möglichkeiten, die die Serie „72 Stunden Istanbul“ mir bietet, wenn ich sie mir genau ansehe. Alles in allem haben wir hier die Möglichkeit, ein bisschen von der türkischen Lebensart mit zu bekommen. Indem wir wunderbare Fotografien sehen, türkischen Pop hören und auch gemeinsam über unsere Eindrücke diskutieren können.

Vielen Dank