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72 Stunden New York Einige unter Ihnen werden bereits die Ausstellung "72 Stunden Prag" kennen, die bis vor kurzem hier in Mannheim im Café Prag zu sehen war. "72 Stunden New York" setzt nun das Konzept fotografischer Städteporträts Toscanos fort, über das ich an dieser Stelle kurz sprechen möchte. Der weltbekannte französische Fotograf Eugène Atget hat über 30 Jahre hinweg ein umfassendes Porträt "seiner" Stadt Paris geschaffen. Luigi Toscano geht es darum, in kurzer Zeit – innerhalb 72 Stunden nämlich – die Essenz einer Stadt einzufangen, wie er sie wahrnimmt. Mit Prag und New York hat Toscano Städte gewählt, deren Name allein beim Betrachter Träume, Sehnsüchte, Erinnerungen auslöst. Jede der schwarzweißen Bilderserien zeigt uns seine Version der medial bereits überreich dokumentierten Großstädte. Doch der Fotograf bestätigt nicht die klischeehaft erwarteten Bilder, sondern gibt dem Betrachter neue Möglichkeiten des Sehens: Wie bereits in seiner ersten Bilderserie "Colorblind" tastet seine Kamera Oberflächen ab, sucht ungewöhnliche Strukturen und erhebt scheinbar Banales zum bildwürdigen Motiv. So sehen wir das glänzende Blech eines Cadillacs, die gespinstartige Stahlseilkonstruktion der Brooklyn Bridge oder einen Pretzelstand, an dem man alles von der Cola, bis zur Brezel und dem heißen Fleischspieß kaufen kann. Die Perspektiven, die Toscano wählt, machen seine Stadtporträts zu etwas Besonderem. Er wandert Tag und Nacht durch die Straßen, lässt den Verkehr auf sich zubrausen, legt sich auf den Boden – Auge in Auge mit dem Asphalt. Es ist charakteristisch für ihn, inmitten pulsierenden Lebens Orte aufzuspüren, die für den Moment von aller Welt vergessen scheinen. Seine Sensibilität für Stimmungen und Helldunkel-Werte lassen Plätze und Gebäude zeitlos wirken. Obwohl Momentaufnahmen, sind seine Fotografien nicht dem Geschehen der Gegenwart verhaftet – was sich kurz zuvor auf dem menschenleeren Parkplatz in der Bronx ereignet hat oder sich wenig später ereignen könnte, bleibt offen. Toscanos Bilder und Detailaufnahmen, die allein mit tonalen Abstufungen von Samtschwarz bis hin zu einem harten Weiß arbeiten, lassen Raum für die Vorstellungskraft des Betrachters. Hier werden keine Geschichten erzählt, aber ihre Spuren sind der Gegebenheit des Ortes eingeprägt. In New York zu fotografieren, sich dem Sog der Stadt zu überlassen und auch wieder entschieden aus ihm herauszutreten, um Dinge zu isolieren und in anderem Licht sichtbar zu machen, kommt einer Art Kräftemessen gleich, das zwischen der Stadt und dem Fotografen stattfindet. Für diese Fotoserie gilt, was auch auf die vorhergehenden zutrifft: Sie tragen eine Handschrift. Die Bilder scheinen oftmals von einer gewissen Melancholie geprägt, aber auch vom Respekt den fotografierten Personen und Objekten gegenüber. Vom Respekt auch dem Betrachter gegenüber, der nie vereinnahmt wird, sondern einer Einladung zum Sehen folgen kann. Wie bereits zu Beginn der Ausstellung "72 Stunden Prag" werden wir in wenigen Minuten eine Art digitalen Schnelldurchlauf der hier gezeigten Fotografien sehen, in dem Bildabfolge und begleitende Musik eine ganz eigene Atmosphäre vermitteln werden. Erstmals wird es aber auch einen Videofilm geben, der als ein fester Bestandteil von "72 Stunden New York" während der gesamten Ausstellungsdauer zu sehen sein wird. Wer genau hinsieht und mit den Werken Toscanos bereits ein wenig vertraut ist, der wird feststellen, dass mittlerweile auch Personen das ein oder andere Bild bestimmen. Menschen werden auch in zukünftigen Ausstellungsprojekten eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Ich darf an dieser Stelle auf auf eine Zusammenarbeit zwischen Luigi Toscano und Halid Öner hinweisen, die den Titel "Made in Germany" tragen wird, und natürlich auf die dritte Folge der Städteserien, die wahrscheinlich ein Heimspiel sein wird, da sie unter dem Motto "72 Stunden Mannheim" laufen wird. Jetzt und hier sollten wir aber die aktuelle Ausstellung wahrnehmen, Luigi Toscanos Einladung zum Sehen folgen und im Kopf behalten, dass man junge Kunst kaufen sollte, so lange sie noch frisch ist! |




